Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft von Gerd Gigerenzer. An Beispielen aus Medizin, Rechtswesen und Finanzwelt erläutert er, wie die Psychologie des Risikos funktioniert …

Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft von Gerd Gigerenzer und Hainer Kober
C. Bertelsmann Verlag
Originaltitel: Risk Savvy
Originalverlag: Viking US
Aus dem Amerikanischen von Hainer Kober
LeseprobeRisiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft von Gerd Gigerenzer und Hainer Kober

Der neue Bestseller von Gerd Gigerenzer

Erinnern wir uns an die weltweite Angst vor der Schweinegrippe, als Experten eine nie dagewesene Pandemie prognostizierten und Impfstoff für Millionen produziert wurde, der später still und heimlich entsorgt werden musste.

Risiko

Risiko

Für Gerd Gigerenzer ist dies nur ein Beleg unseres irrationalen Umgangs mit Risiken. Und das gilt für Experten ebenso wie für Laien.

An Beispielen aus Medizin, Rechtswesen und Finanzwelt erläutert er, wie die Psychologie des Risikos funktioniert, was sie mit unseren entwicklungsgeschichtlich alten Hirnstrukturen zu tun hat und welche Gefahren damit einhergehen. Dabei analysiert er die ungute Rolle von irreführenden Informationen, die von Medien und Fachleuten verbreitet werden. Doch Risiken und Ungewissheiten richtig einzuschätzen kann und sollte jeder lernen. Diese Risikoschulung erprobt Gigerenzer seit vielen Jahren mit verblüffenden Ergebnissen.

Sein Fazit: Schon Kinder können lernen, mit Risiken realistisch umzugehen und sich gegen Panikmache wie Verharmlosung zu immunisieren.

Gerd Gigerenzer ist der in Wissenschaftskreisen derzeit meistzitierte deutsche Psychologe. Nach Lehrtätigkeiten in Konstanz, Salzburg und Chicago ist er heute Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, wo er den Bereich „Adaptives Verhalten und Kognition“ leitet. Dort erforscht er u. a. Risikoverhalten und -kommunikation, die Natur sozialer Intelligenz und schließlich, wie Menschen mit begrenzter Zeit und begrenztem Wissen Entscheidungen treffen. Seine Forschungsarbeit ist interdisziplinär und berührt die Fachrichtungen Ökonomie, Informatik, Psychologie, Mathematik, Anthropologie und Biologie.

Er hat zahlreiche internationale Auszeichnungen erhalten, so auch den Preis der renommierten American Association for the Advancement of Science (AAAS). Sein populärwissenschaftliches Buch „Das Einmaleins der Skepsis“ (2002) fand international Beachtung.

Der Buchtrailer zu “Risiko”zum Special

wikipediaGerd Gigerenzer (* 3. September 1947 in Wallersdorf) ist ein deutscher Psychologe und seit 1997 Direktor des Center for Adaptive Behavior and Cognition (ABC) am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Er ist mit Lorraine Daston (Lorraine Jennifer Daston (* 9. Juni 1951 in East Lansing) ist eine US-amerikanische Wissenschaftshistorikerin und Direktorin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin) verheiratet.

Gigerenzer arbeitet über begrenzte Rationalität, Heuristiken und einfache Entscheidungsbäume, das heißt über die Frage, wie man rationale Entscheidungen treffen kann, wenn Zeit und Information begrenzt und die Zukunft ungewiss ist (siehe auch Entscheidung unter Ungewissheit). Der breiten Öffentlichkeit ist er mit seinem Buch Bauchentscheidungen, bekannt geworden; dieses Buch wurde in 17 Sprachen übersetzt und veröffentlicht.

Bauchentscheidungen

Gigerenzer kritisiert kognitive Modelle, die das Fällen von Urteilen und Entscheidungen als das Resultat komplexer unbewusster Algorithmen betrachten, die eine möglichst rationale Entscheidung aus der Gesamtheit der verfügbaren Informationen errechnen. Diesem Ansatz folgt die oftmals in der Ratgeber- und Unternehmensberatungsliteratur zu findende Empfehlung, bei Entscheidungsfindungen möglichst analytisch vorzugehen, Vor- und Nachteile aufzulisten und genau gegeneinander abzuwägen. Gigerenzer sieht das aber als Beispiel für eine Abweichung von der alltäglichen Entscheidungsfindung, die er für wenig erfolgreich hält.

An Stelle eines solchen logisch-rationalen Modells des Entscheidens betont Gigerenzer die Bedeutung des Bauchgefühls – Entscheidungen werden demzufolge vor allem intuitiv anhand von Faustregeln getroffen, denen die rationalen Entscheidungsstrategien als späte Hilfsmittel nachgeordnet sind. Diesen Bauchentscheidungen zu folgen ist nach Gigerenzer selbst wieder eine rationale Strategie, da sie relativ erfolgreich ist. Das Bauchgefühl darf dabei nicht mit einer zufälligen Eingebung oder Naivität verwechselt werden: Besonders gut funktionieren Bauchentscheidungen, wenn sie auf Fachwissen beruhen: Gigerenzer beschreibt einen Fall, wo sich Kunsthistoriker über den Ankauf eines Torsos durch das Getty Museum beunruhigt zeigten. Die wissenschaftlichen Prüfungen erkannten die Fälschung vorerst nicht, später wurde das Kunstwerk als Fälschung enttarnt.

“Take the best”

Ende der 1990er Jahre führte Gigerenzers Forschungsgruppe mit Studenten der New York University ein Experiment durch, in dem diese für eine zufällige Auswahl von Spielen der Saison 1996/97 der National Basketball Association (NBA) den Sieger vorhersagen sollten. Die Saison war bereits vorbei, Gigerenzer anonymisierte die Mannschaften und gab den Studenten zu jeder Partie nur zwei Hinweise: die Anzahl der Spiele, die die beiden Mannschaften jeweils in der Saison insgesamt gewonnen hatten, und den Halbzeitstand. Eine nachträgliche Analyse ergab eine intuitive Vorgehensweise der meisten Studenten. Sie folgten der Faustregel: Wenn eine Mannschaft über die ganze Saison deutlich besser war als die andere, wird sie auch in dieser Partie die Siegerin sein; wenn die Saisonbilanz der beiden Teams vergleichbar war (weniger als 15 Siege Differenz), wird die zur Pause in Führung liegende Mannschaft gewinnen. Die Studenten lagen bei 78 % der Partien richtig.

Dieses sequenzielle Abklopfen von Kriterien nach einer bestimmten Reihenfolge wird Take the best genannt und folgt einem sogenannten „einfachen Entscheidungsbaum“: Nimm das beste Kriterium und entscheide – wenn sich kein relevanter Unterschied ergibt, nimm das zweitbeste, und so weiter. Ein solches Vorgehen wurde zuvor meist als irrationales Verhalten gedeutet. Gigerenzer nahm seine Untersuchung jedoch zum Anlass, die Take the best-Strategie neu zu bewerten, da sie sowohl erfolgreich war und zugleich ungleich weniger kognitive Ressourcen beanspruchte als exakte Berechnungen von Wahrscheinlichkeiten. Gigerenzers Forschungsgruppe verglich Take the best mit der multiplen Regressionsanalyse, einem mehrstufigen Statistikverfahren, das verschiedenen Kriterien bei einer Entscheidung algorithmisch optimal gewichten soll.

Anhand von zwanzig Problemen aus Wirtschaft, Psychologie, Gesundheitswesen oder Biologie stellte sich heraus, dass die multiple Regressionsanalyse im Schnitt bei 68 % der Fälle richtige Vorhersagen traf, das vermeintlich naive Take the best jedoch bei 71 %.

Nützliches Halbwissen

Die Trefferquote der Take the best-Strategie kann paradoxerweise durch das Weglassen von Informationen verbessert werden. „Gute Intuitionen müssen Informationen ignorieren“ (Gigerenzer). Das Paradoxon erklärt sich dadurch, dass längst nicht alle Informationen für die Vorhersage relevant sind. Take the best ist eine Strategie, die es erlaubt, bestimmte Daten als entscheidend heranzuziehen und den Rest zu ignorieren.Dieses Vorgehen widerspricht nach Gigerenzer einem weit verbreiteten, aber falschen Ideal des Maximierer: „Mehr Information ist immer besser. Mehr Zeit ist immer besser. Mehr Optionen sind immer besser. Mehr Berechnungen sind immer besser. Dieses Schema steckt tief in uns drin, aber es ist falsch! Was uns als Forscher interessiert, ist: Wann ist ‹mehr› besser, und wann ist ‹weniger› besser?“ (Gigerenzer)

Ein ungenaues Wissen kann auch richtig sein. In einer Untersuchung stellte er die Frage: „Welche Stadt hat mehr Einwohner: San Diego oder San Antonio?“ einmal deutschen, einmal US-amerikanischen Studenten. Das überraschende Ergebnis: die deutschen Studenten konnten die Frage öfter richtig beantworten (:San Diego), weil sie von der anderen Stadt im Gegensatz zu ihren Kollegen noch nie gehört hatten. Er geht davon aus, dass teilweise uninformierte Entscheidungen auf unbewussten Daumenregeln basieren, im vorliegenden Fall: Die bekannte Stadt ist wahrscheinlich auch die größere. – und dies führt häufig zum Erfolg.

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung: Lebenslauf von Gerd Gigerenzer

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