Hohenemser Literaturpreis für Saša Stanišić. Buchperlen-Tipp: Wie der Soldat das Grammofon repariert …

Saša Stanišić hat für Auszüge aus seinem im Frühjahr 2014 bei Luchterhand erscheinenden zweiten Roman nicht nur den Alfred-Döblin-Preis erhalten (die Preisverleihung war am 5. Mai in Berlin), sondern wird nun auch vorab mit dem Hohenemser Literaturpreis für deutschsprachige AutorInnen nichtdeutscher Muttersprache 2013 ausgezeichnet. Die Jury besteht aus Anna Mitgutsch, Michael Köhlmeier, Doron Rabinovici und Zafer Senocak. Der Hauptpreis ist mit 10.000 € dotiert, die Preisverleihung findet am 29.Juni in Hohenems / Vorarlberg statt, zum Artikel.

Saša Stanišić (* 7. März 1978 in Višegrad) ist ein aus Bosnien und Herzegowina stammender deutschsprachiger Schriftsteller. Er wurde 1978 in Višegrad, einer Kleinstadt im östlichen Bosnien, als Sohn einer Bosniakin und eines Serben geboren. 1992 wurde er im Bosnien-Krieg als 14-jähriger Zeuge, wie serbische Truppen seine Heimatstadt belagerten. Einige Wochen nach der Besetzung Višegrads flüchtete er mit seinen Eltern zu einem Onkel nach Süddeutschland. Stanišić besuchte in Heidelberg die Internationale Gesamtschule Heidelberg, wo sein schriftstellerisches Talent von seinem Deutschlehrer gefördert wurde und wechselte nach der Vorbereitungsklasse auf den Gymnasialzweig. Nach seinem Abitur im Jahr 1997 studierte der fußballbegeisterte junge Mann an der Universität Heidelberg Deutsch als Fremdsprache und Slawistik und arbeitete als Teaching Assistant an der Bucknell University im US-amerikanischen Lewisburg (Pennsylvania).

Neben seinem Studium, das er sich unter anderem als Aushilfskellner finanzierte, schrieb er deutschsprachige poetische Texte, Essays und Kurzgeschichten, die seit 2001 in mehreren Anthologien und Literaturzeitschriften wie Krachkultur, chiméra/sprachgebunden und EDIT veröffentlicht wurden. Für seine Magisterarbeit wurde Stanišić 2004 der Jürgen-Fritzenschaft-Preis der Universität Heidelberg verliehen. Zum Wintersemester 2004/2005 nahm er ein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig auf. Im folgenden Jahr war der Nachwuchsautor mit einer Erzählung Was wir im Keller spielen … im Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis vertreten. Das autobiographisch gefärbte und humorvolle Werk, das den Krieg in Ex-Jugoslawien aus der Sicht eines Kindes Revue passieren lässt, erhielt in Klagenfurt den Kelag-Publikumspreis.

 Wie der Soldat das Grammofon repariert

Wie der Soldat das Grammofon repariert

2006 legte Stanišić mit Wie der Soldat das Grammofon repariert seinen Debütroman vor. In der semiautobiographischen Geschichte, die erneut vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs angesiedelt ist, porträtiert der Autor den jungen Bosnier Aleksandar aus Višegrad, der mit seinen Eltern nach Deutschland flieht und sich in der neuen Heimat in eine Welt aus Geschichten und Erinnerungen flüchtet. Stanišićs Romanerstling, der unter anderem auf zahlreichen Unterhaltungen mit Višegradern sowie auf den Beobachtungen der Stadt basiert, erlangte die Gunst der Kritiker und wird als Übersetzung in zahlreichen Ländern erscheinen, darunter auch in den USA, in Großbritannien, in Israel und in Korea.

Das als poetisch und komisch zugleich bewertete Werk wurde 2006 Finalist für den Deutschen Buchpreis und erhielt 2007 den Förderpreis zum Literaturpreis der Stadt Bremen. Außerdem wurde Wie der Soldat das Grammofon repariert im Jahr seiner Veröffentlichung als Hörspiel vom Bayerischen Rundfunk adaptiert und 2007 für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert. 2008 wurde Stanišic mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis und dem Förderpreis zum Heimito von Doderer-Literaturpreis ausgezeichnet. 2013 erhielt er das vierte „Feuergriffel“-Stadtschreiber-Stipendium für Kinder- und Jugendliteratur, mit dem Romanmanuskript Anna den Alfred-Döblin-Preis und für Frau Kranz malt ein Bild von Hier den Hohenemser Literaturpreis.

Weitere Ehrungen, die Stanišić zuteilwurden: Aufenthaltsstipendien in der Villa Waldberta (2005/06) und dem Künstlerhaus Lukas (2006), sowie das Grenzgänger-Stipendium der Robert Bosch Stiftung (2006). Stanišić schreibt Prosa, Hörspiele, Satire und betreibt ein literarisches Blog. Für die Zeitschrift U_mag schrieb er regelmäßig eine Kolumne.

2006/2007 war Stanišić der Stadtschreiber von Graz. Das Schauspielhaus Graz brachte 2008 seinen Roman Wie der Soldat das Grammofon repariert auf die Bühne. Sein erstes Theaterstück, Go West, wurde im März 2008 uraufgeführt.

Erzählungen

2001 – In Silence I Trust, in: Krachkultur 9/2001
2002 – Zinke, in. 20 unter 30. Junge deutsche Autoren, hrsg. von Martin Brinkmann und Werner Löcher-Lawrence, DVA 2002
2002 – get done: strippen, kajal
2003 – Wie Selim Hadzihalilovic zurückgekehrt ist, …
2003 – Heinz Harald Frentzen hat Schnupfen
2005 – Billard Kasatschok
2005 – Träum! Traum, Traumata
2005 – Äcki spielt auf für die Jungs und Petra,den Funker
2005 – Was wir im Keller spielen …
2005 – Hai Nuun in Veletovo
2005 – Zwei Anweisungen für Strukturstabilität, jeweils mit Beispielen, dazu zwei kleinere Erledigungen
2007 – George W. mit Mikimaus-Ohren

Roman

2006Wie der Soldat das Grammofon repariert, Luchterhand, München 2006, ISBN 3-630-87242-5.

Die bisherigen Preisträger/innen des Hohenemser Literaturpreises

Hauptpreis 2009 (geteilt): Michael Stavaric („Geister“) und Agnieszka Piwowarska („Oktober“)
Anerkennungspreis 2009: Susanne Gregor („Schwarzer Zucker“)
Hauptpreis 2011: Eleonora Hummel („Eine Handvoll Laub“)
Anerkennungspreis 2011: Sandra Gugic („Astronauten“)
Hauptpreis 2013: Saša Stanišić („Frau Kranž malt ein Bild von Hier„)
Anerkennungspreis 2013: Léda Forgó („Seitenschlag“)

Aktuelle Ausschreibung

Die Ausschreibung für den 4. Literaturpreis 2015 erfolgt voraussichtlich im Frühjahr 2014.

Beiträge zum Autor im Literaturblog: transatlantik.de – der Literatur-Blog
Offizielle Website des Autors: www.kuenstlicht.de

Buchperlen-Tipp:

Wie der Soldat das Grammofon repariert
Saša Stanišić
Luchterhand Literaturverlag

Als der Bürgerkrieg in den 90er Jahren Bosnien heimsucht, flieht der junge Aleksandar mit seinen Eltern in den Westen. Rastlos neugierig erobert er sich das fremde Deutschland und erzählt mit unbändiger Lust die irrwitzigen Geschichten von damals, von der großen Familie und den kuriosen Begebenheiten im kleinen Višegrad. Aleksandar fabuliert sich die Angst weg und „die Zeit, als alles gut war“ wieder herbei.

Aleksandar wächst in der kleinen bosnischen Stadt Višegrad auf. Sein größtes Talent ist das Erfinden von Geschichten: Er denkt gar nicht daran, sich an die Themen der Schulaufsätze zu halten, viel zu verrückt sind die Erntefeste bei seinen Urgroßeltern, viel zu packend die Amokläufe betrogener Ehemänner und viel zu unglaublich die Geständnisse des Flusses Drina. Als der Krieg mit grausamer Wucht über Višegrad hereinbricht, hält die Welt, wie Aleksandar sie kannte, der Gewalt nicht stand, und die Familie muss fliehen. In der Fremde eines westlichen Landes erweist sich Aleksandars Fabulierlust als lebenswichtig: Denn so gelingt es ihm, sich an diesem merkwürdigen Ort namens Deutschland zurechtzufinden und sich eine Heimat zu erzählen. Seinen Opa konnte er damals nicht wieder lebendig zaubern, jetzt hat er einen Zauberstab, der tatsächlich funktioniert: seine Phantasie holt das Verlorene wieder zurück. Als der erwachsene Aleksandar in die Stadt seiner Kindheit zurückkehrt, muss sich allerdings erst zeigen, ob seine Fabulierkunst auch der Nachkriegsrealität Bosniens standhält.

Mit „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ hat Sasa Stanisic einen überbordenden, verschwenderischen, burlesken und tragikomischen Roman über eine außergewöhnliche Kindheit unter außergewöhnlichen Umständen geschrieben, über den brutalen Verlust des Vertrauten und über das unzerstörbare Vertrauen in das Erzählen.

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