Renate Wind: Grenzenlos glücklich – absolut furchtlos – immer in Schwierigkeiten: Dorothee Sölle. Zum 10. Todestag von Dorothee Sölle am 27. April 2013

Renate Wind
Grenzenlos glücklich – absolut furchtlos – immer in Schwierigkeiten
Dorothee Sölle. Mit Audio-CD
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 80 Seiten, 15,8 x 21,5 cm
Mit Audio-CD
ISBN: 978-3-579-08155-7
€ 14,99 [D] | € 15,50 [A] | CHF 21,90* (* empf. VK-Preis)
Gütersloher Verlagshaus
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Der Rezensionist vergibt 5 von 6 Sternchen für das Buch Grenzenlos glücklich – absolut furchtlos – immer in Schwierigkeiten von Renate Wind. Die wahrscheinlich streitbarste und radikalste Theologin und deshalb auch eine der umstrittensten Frauen Deutschlands starb am 27. April 2003.

Grenzenlos glücklich - absolut furchtlos - immer in Schwierigkeiten

Grenzenlos glücklich – absolut furchtlos – immer in Schwierigkeiten

Zum 10. Todestag von Dorothee Sölle am 27. April 2013

Absolut furchtlos – grenzenlos glücklich – immer in Schwierigkeiten – an diesem Lebensideal aus der Tradition der Quäker wollte sie sich orientieren, und so wurde sie auch von vielen gesehen: Dorothee Sölle, die radikale, unbedingte, prophetische Theologin. Sie war eine der bekanntesten und umstrittensten Frauen in der politischen und kirchlichen Szene der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts; streitbare Zeitgenossin und spirituelle Begleiterin einer ganzen Epoche des Widerstands. Ihre Texte spiegeln die Bewegungen dieser Zeit wider und die Visionen derer, die sich ihnen anschlossen.

Am 27. April 2003 starb Dorothee Sölle. Zum 10. Todestag erinnert dieser Band einfühlsam an Lebenssthemen der ebenso streitbaren wie frommen Theologin. Die „Clerical Beauties“ Hans-Martin Gutmann und Michael Schirmer begleiten auf der dem Buch beigegebenen CD die von Renate Wind gelesenen Texte mit jazzigen Interpretationen der Lieblingslieder Dorothee Sölles.

Renate Wind, Dr. theol., Pfarrerin, ist Professorin für Biblische Theologie und Kirchengeschichte an der Ev. Fachhochschule in Nürnberg. 1993 wurde sie für ihre Bonhoeffer-Biographie mit dem „Evangelischen Buchpreis“ ausgezeichnet.

Die Internetseite zu Dorothee Sölle
Chrismon: „Ganz schön rebellisch“ (Mai 2013)

wikipedia: Dorothee Steffensky-Sölle (* 30. September 1929 in Köln; † 27. April 2003 in Göppingen; geb. Nipperdey) war eine deutsche evangelische feministische Theologin und Pazifistin. Eine Anerkennung im Universitätsbetrieb blieb ihr weitgehend versagt. Als theologische Schriftstellerin und Rednerin war sie weltweit bekannt und umstritten.

Sölle gehörte zu den profiliertesten Vertretern eines „anderen Protestantismus“. Sie übte Kritik an der Allmachtsvorstellung Gottes und versuchte in ihren Schriften alltägliche Lebenserfahrungen, insbesondere des Leidens, der Armut, Benachteilung und Unterdrückung mit theologischen Inhalten zu verknüpfen. Politisch war sie in der Friedens-, Frauen- und Ökologiebewegung engagiert.

Dorothee Sölle studierte ab 1949 Theologie, Philosophie und Literaturwissenschaft an der Universität zu Köln, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und der Georg-August-Universität Göttingen. 1954 machte sie ihr Staatsexamen und promovierte mit der Dissertation Untersuchungen zur Struktur der Nachtwachen von Bonaventura zum Dr. phil. Im Jahre 1971 wurde sie mit dem Thema Realisation, Studien zum Verhältnis von Theologie und Dichtung an der Philosophischen Fakultät der Universität Köln habilitiert. In Deutschland blieb ihr jedoch ein Lehrstuhl verwehrt. Erst 1994 erhielt sie eine Ehrenprofessur an der Universität Hamburg.

Zunächst arbeitete sie 1954–1960 als Lehrerin im höheren Schuldienst in Köln. Seit 1960 war sie auch als Schriftstellerin und freie Mitarbeiterin beim Rundfunk. In den Jahren 1962–1964 war sie wissenschaftliche Assistentin am Philosophischen Institut der TH Aachen und 1964–1967 als Studienrätin im Hochschuldienst am Germanistischen Institut der Universität Köln beschäftigt. Nach der Habilitation 1971 arbeitete sie in Köln als Privatdozentin für Neuere deutsche Literaturgeschichte. Von 1975 bis 1987 lehrte sie auf einer Professur für systematische Theologie am Union Theological Seminary in New York. Zu einer wichtigen Lebenserfahrung wurde ihr im November 1972 eine Reise nach Nordvietnam. 1984 besuchte sie auf Einladung der Sandinistischen Bewegung Nicaragua und beobachtete mit einer amerikanischen Friedensgruppe „Witness for Peace“ den Verlauf der Wahlen.

Sölle wirkte in der Friedensbewegung und in zahlreichen kirchlichen linken und ökumenischen Organisationen mit. Sie war Mitbegründerin des so genannten Politischen Nachtgebets von 1968 bis 1972 in der Antoniterkirche in Köln. 1968 wurde sie eine der Gründerinnen der Kölner Journalistenschule.

Wegen Sitzblockaden vor dem NATO-Mittelstreckenraketendepot auf der Mutlanger Heide oder dem Giftgasdepot in Fischbach wurde sie wegen „versuchter Nötigung“ verurteilt.

Diese Urteile wurden zum Teil später höchstrichterlich aufgehoben. Ihre für die Landeskirchen provokante Theologie und ihr engagiertes Eintreten für soziale Gerechtigkeit sorgten auch in nichtkirchlichen Kreisen oft für Kontroversen. Ein halbes Jahr vor ihrem Tod, am 26. Oktober 2002, hielt sie die Rede zur Friedensdemonstration in Hamburg.

Sölle starb im Alter von 73 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts, den sie in der Evangelischen Akademie Bad Boll erlitten hatte.

Werk

Sölle veröffentlichte ca. 30 Bücher und Gedichtbände über religiöse und politische Themen. Ihr poetisches Werk ist zwischen 1969 und 2000 in sieben Ausgaben erschienen. Vor allem ihre Erinnerungen Gegenwind aus dem Jahre 1995 und ihre als Hauptwerk eingestufte Schrift Mystik und Widerstand: du stilles Geschrei aus dem Jahre 1997 fanden große Beachtung. 1982 erhielt sie für ihre Gedichte den Droste-Preis der Stadt Meersburg.

Lehre

Ihr Glaube war nach eigenen Aussagen „geprägt von dem Bewusstsein […], nach Auschwitz zu leben“. In einem Vortrag vor dem Ökumenischen Rat der Kirchen in Vancouver machte sie 1983 folgende Äußerung:

„Ich spreche zu Ihnen als eine Frau, die aus einem der reichsten Länder der Welt kommt; einem Land mit einer blutigen, nach Gas stinkenden Geschichte… Reich ist die Welt, in der ich lebe, vor allem an Tod und besseren Möglichkeiten zu töten.“
In ihr werde Kindern nichts als „Konsum-Sand“ geboten. In scharfem Kontrast bezeichnete sie westliche Länder als „verödete Zentren der Kultur“, die Dritte Welt als „ein Dauer-Auschwitz“.

Die Lehre von der Allmacht Gottes wurde so für sie zum Gegenstand kritischen Nachdenkens. Sie war der Meinung, dass Gottes Wirken in dieser Welt abhängig ist von unserem Handeln („Gott hat keine anderen Hände als unsere.“). Sölle vertrat eine politische Theologie, die sich durch eine radikale Diesseitigkeit und eine Entmythologisierung der Bibel auszeichnete. Kern ihrer Gott-ist-tot-Theologie war der Abschied von einer „Papa-wird’s-schon-richten-Theologie“.

Weiterhin bestimmend war eine durch den Feminismus geprägte Mystik, die ohne die Vorstellung eines persönlichen Gottes auskam. Viele Ideen Sölles waren von der Befreiungstheologie Lateinamerikas geprägt, die durch Sölle in Deutschland erst bekannt wurde, sowie durch die Bücher Das Prinzip Hoffnung (1959) und Atheismus im Christentum (1968) des Philosophen Ernst Bloch.

Kritische Würdigung

Bei der Trauerfeier in der Hamburger St. Katharinen-Kirche würdigte ihre Freundin, die Lübecker Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter, Dorothee Sölles „prophetische und poetische Stimme“. Die biblische Verheißung eines „neuen Himmels und einer neuen Erde“ sei eines ihrer Lebensthemen gewesen. Sie habe versucht, „eine neue Sprache für das Sprechen mit Gott zu finden und alte Gottesbilder – zum Beispiel das eines Herrschers – zu demontieren“. Dass sie an deutschen Universitäten nicht akzeptiert worden sei, bewertete Wartenberg-Potter als „eine der bemerkenswertesten Torheiten der Kirchengeschichte der Nachkriegszeit“.

Die Hannoversche Bischöfin Margot Käßmann hob in einem Interview zum Tod Dorothee Sölles die Bedeutung ihrer Provokationen für die Entwicklung der evangelischen Kirche hervor. Ihre Rede vom Tod Gottes habe Menschen zum eigenständigen Nachdenken über Gott angeregt. Eine Berufung auf „das Richtige“ und Ausgewogenheit habe sie geärgert und „dazu gebracht, auch ziemlich steile Thesen beispielsweise zur Frage Arm und Reich, die dritte Welt und unsere reiche Kirche, anzubringen, die unbequem sind in einer Kirche, aber ich würde sagen, ihr gut tun.“ In ihrem großen theologischen Werk habe sie zentral zur Verbreitung feministischer Theologie beigetragen und „die Mystik neu geöffnet für viele Protestanten“. Als „das Schönste, was bleibt“ hob Käßmann ihre Poesie hervor. Ihre liebevolle Seite sei in den Auseinandersetzungen viel zu wenig wahrgenommen worden.

2011 vergab das ökumenische Netzwerk „Initiative Kirche von unten“ erstmals den „Dorothee Sölle-Preis für aufrechten Gang“, der künftig alle drei Jahre verliehen werden soll. Erste Preisträgerin war die Flüchtlingsbeauftragte der Nordelbischen lutherischen Kirche Fanny Dethloff. 2013 wurde der Preis auf dem 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hamburg zum zweiten Mal vergeben. Ausgezeichnet wurde Jutta Lehnert, Pastoralreferentin im Bistum Trier, für ihr jugendpolitisches Engagement und ihren Einsatz gegen sexualisierte Gewalt in der Kirche.

Nach ihr ist das Dorothee-Sölle-Haus in Hamburg benannt, das die kirchlichen Dienste und Werke beherbergt, u.a. auch die Nordelbische Kirchenbibliothek.

Auszeichnungen

1974 Theodor-Heuss-Medaille
1982 Droste-Preis der Stadt Meersburg für Lyrik mit Maria Menz
1996 Salzburger Landespreis für Zukunftsforschung

Werke

Stellvertretung. Ein Kapitel Theologie nach dem ‚Tode Gottes‘, Stuttgart 1965, erweiterte Neuauflage 1982
Die Wahrheit ist konkret, Olten und Freiburg 1967
Atheistisch an Gott glauben. Beiträge zur Theologie, Olten und Freiburg, 1968
Phantasie und Gehorsam. Überlegungen zu einer künftigen christlichen Ethik, Stuttgart, 1968
Meditationen & Gebrauchstexte. Gedichte, Berlin, 1969, ISBN 978-3-87352-016-5
Politisches Nachtgebet in Köln 1, herausgegeben von Dorothee Sölle und F. Steffensky, Stuttgart, Berlin und Mainz, 1969
Politisches Nachtgebet in Köln 2, herausgegeben von Dorothee Sölle und F. Steffensky, Stuttgart, Berlin und Mainz, ohne Jahresangabe
Politische Theologie, Stuttgart, 1971, erweiterte Neuausgabe Stuttgart 1982
Leiden, Stuttgart, 1973, ISBN 978-3-7831-2248-0
Die revolutionäre Geduld. Gedichte, Berlin, 1974, ISBN 978-3-87352-026-4
Die Hinreise. Zur religiösen Erfahrung. Texte und Überlegungen, Stuttgart, 1975
Sympathie. Theologisch-politische Traktate, Stuttgart, 1978
Fliegen lernen. Gedichte, Berlin, 1979, ISBN 978-3-87352-501-6
Wählt das Leben, Stuttgart, 1980
Das Recht ein anderer zu werden. Theologische Texte, Stuttgart, 1981
Spiel doch von Brot und Rosen. Gedichte, Berlin, 1981, ISBN 978-3-87352-502-3
Aufrüstung tötet auch ohne Krieg, Stuttgart, 1982
Verrückt nach Licht. Gedichte, Berlin, 1984, ISBN 978-3-87352-503-0
Lieben und arbeiten. Eine Theologie der Schöpfung, Stuttgart, 1985
Ein Volk ohne Vision geht zugrunde. Anmerkungen zur deutschen Gegenwart und zur nationalen Identität, Wuppertal, 1986
Das Fenster der Verwundbarkeit. Theologisch-politische Texte, Stuttgart, 1987
Und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Stationen feministischer Theologie, DTV, München, 1987, ISBN 3-423-10835-5
Zivil und ungehorsam. Gedichte, Berlin, 1990, ISBN 978-3-87352-504-7
Gott denken. Einführung in die Theologie, Stuttgart, 1990
Es muss doch mehr als alles geben. Nachdenken über Gott, Hamburg, 1992
Mutanfälle, 1993
Träume mich Gott. Geistliche Texte. Mit lästigen politischen Fragen, Wuppertal 1995
Gegenwind. Erinnerungen, Hamburg, 1995, ISBN 978-3-455-08584-6
Das Eis der Seele spalten. Theologie und Literatur in sprachloser Zeit, Mainz, 1996
Mystik und Widerstand – »Du stilles Geschrei«, Hamburg, 1997, ISBN 3-455-08583-0
Loben ohne Lügen. Gedichte, Berlin, 2000, ISBN 978-3-87352-505-4
Maria. Eine Begegnung mit der Muttergottes, Freiburg u.a., 2005
Das Lied der Erde singen – in einer Welt der Gewalt, Hörbuch, Musik von Grupo Sal, 2003
Verrückt nach Licht, Hörbuch, Musik von Grupo Sal, Christophorus Verlag 1999

Literatur

Reinhold Boschki, Ekkehard Schuster: Zur Umkehr fähig. Mit Dorothee Sölle im Gespräch. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1999, ISBN 3-7867-2205-6.
Helga Kuhlmann (Hrsg.): Eher eine Kunst als eine Wissenschaft. Resonanzen der Theologie Dorothee Sölles. Kreuz-Verlag, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-7831-2968-7.
Ralph Ludwig: Die Prophetin. Wie Dorothee Sölle Mystikerin wurde. Wichern, Berlin 2008, ISBN 978-3-88981-239-1 (wichern porträts).
Otto Reidinger: Gottes Tod und Hegels Auferstehung. Antwort an Dorothee Sölle. Lutherisches Verlagshaus, Berlin und Hamburg 1969.
Renate Wind: Dorothee Sölle. Rebellin und Mystikerin. Die Biographie. Kreuz, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-7831-3137-6.
Renate Wind: Dorothee Sölle. In: Annegret Brauch (Hrsg.): Im Namen einer besseren Welt. Rosa Luxemburg, Hannah Arendt, Simone Weil, Dorothee Sölle. (Beiträge zu Tagungen der Evangelischen Akademie Baden vom 8. – 10. Oktober 2004 und 8. – 10. April 2005 in Bad Herrenalb). Evangelische Akademie Baden, Karlsruhe 2006, ISBN 3-89674-548-4 (Herrenalber Forum 47).

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