Balthasars Vermächtnis. Ariadne Kriminalroman von Charlotte Otter. Veranstaltungsreihe zum Thema DER KRIMI IST POLITISCH

Druckfrisch ist der Ariadne Kriminalroman Balthasars Vermächtnis der südafrikanischen Autorin Charlotte Otter.

Kriminalreporterin Magdalena Cloete hat vielleicht einen Fehler gemacht, als sie den Anrufer mit der leisen Stimme abwimmelte. Denn jetzt ist er tot. Jemand hat ihm vier Kugeln in die Brust gejagt.

Es ist das Post-Apartheid-Südafrika der Jahrtausendwende. In Pietermaritzburg, Hauptstadt der Provinz KwaZulu-Natal, regiert jetzt der ANC. Doch in den Townships und Dörfern regieren auch Angst und Aberglaube …

Die Südafrikanerin Charlotte Otter schreibt in englischer Sprache, lebt aber seit vielen Jahren in Deutschland. Sie hat als Kriminalreporterin, als Zeitungsredakteurin sowie als freie Journalistin und Autorin gearbeitet, dies ist ihr erster Roman.

Balthasars Vermächtnis

Balthasars Vermächtnis

Charlotte Otter
Balthasars Vermächtnis
Ariadne Kriminalroman 1214
Deutsch von B. Szelinski und Else Laudan
320 Seiten, 13 Euro
ISBN 978-3-86754-214-2
Infos: www.argument.de

Kommentar der Verlegerin:

Aus Südafrika erreicht uns seit ein paar Jahren eindrucksvolle Kriminalliteratur, vermittelt eine Ahnung der multiethnischen, von einer Ära der Rassentrennung gezeichneten Gesellschaft und ihren Metropolen. Charlotte Otter ist eine neue Stimme in dieser Gattung. Ihr eindringlicher Genre-Roman um die couragierte Kriminalreporterin Magdalena Cloete lenkt den Blick auf die östliche Provinz KwaZulu-Natal, ihre jüngere Geschichte und Gegenwart, und nebenbei auf mehrere gern verdrängte Dramen des beginnenden 21. Jahrhunderts. Die Arbeit an der Übersetzung führte mich wiederholt auf weitgehend unbekanntes Terrain. Recherchen zum südafrikanischen Grenzkrieg laufen ins Leere, wenn man nicht weiß, wo man suchen muss, denn nach offizieller Lesweise wurden lediglich »Truppen in den Bürgerkrieg in Angola entsandt, einen Stellvertreterkrieg zwischen den USA und der UdSSR« (Wikipedia) – was die massiven wirtschaftlichen Interessen des Apartheidstaats in diesem Konflikt ebenso unterschlägt wie das resultierende Trauma ganzer Generationen.

Auf online gestellte Fragen zum Themenkomplex HIV erhielt ich mehrfach Posts wie »AIDS ist heute kein Problem mehr«, eine selbst für unsere Wohlstandsrealität äußerst gewagte Pauschalisierung: 2011 gab es allein in West- und Mitteleuropa rund 900 000 HIV-Positive und 30 000 Neuinfektionen, weltweit starben 1,7 Millionen Menschen an AIDS, 7 Millionen HIV-Positive haben keinen Zugang zu antiretroviraler Therapie.

Kein Problem?

Solche Erlebnisse verstärken mein Gefühl, dass Aufklärung nötig und das Verbreiten guter politischer Krimis wichtig ist. Als Leserin wie als Verlegerin baue ich leidenschaftlich auf die Welthaltigkeit dieses Genres, das sich so gut eignet, um soziale Wirklichkeit zu sichten. Christopher G. Moore schreibt: »Eine Mordermittlung in einer unruhigen Gesellschaft bringt die Spannungen in den Fokus, die dem Fall eine politische Dimension verleihen. Um Verhaltensweisen, Reaktionen und Gefühle zu verstehen, braucht es eine kulturelle Landkarte.

Die besten Kriminalromane funktionieren wie ein GPS, das uns durch die gewundenen Schleichwege, lokalen Gassen und kaum erschlossenen Hügellandschaften führt.« Genau das schafft für mich Charlotte Otter mit diesem schnellen, toughen Krimi, der Südafrika nicht als schwarz-weißes Macho-Abenteuerland zeigt, sondern als sich mühsam demokratisierende Kultur, durch die sich bis heute Klüfte ziehen. Ich hoffe inständig auf weitere Romane mit Maggie und der Henne! – Else Laudan

Politische Kriminalromane

Hochpolitische Krimis haben gerade eine Blütezeit. Wie kommt es dazu und was bedeutet es – für Autorinnen und Autoren, für Verlage, Buchhandlungen, Medien, für welches Publikum?

Ariadne, die Rosa Luxemburg Stiftung Hamburg sowie der Buchladen Osterstraße lancieren in Hamburg eine Reihe von vier Veranstaltungen zum Thema DER KRIMI IST POLITISCH.

Die aktuelle Blüte des sozialkritischen Kriminalromans, des Roman noir, des scharfen Gesellschaftsromans mit Thriller- oder Whodunnit-Aspekten stellt Weichen für neue Publikationsprojekte, für das, was AutorInnen wagen und umsetzen können. Sie hat zudem große Bedeutung für die Zusammensetzung der Zielgruppe:

Wer liest warum was für Kriminalromane und mit welcher Erwartung?

Die wachsende Popularität des anspruchsvollen politischen Kriminalromans war eins von etlichen Diskussionsthemen auf der Tagung Krimis machen 1 im April in Berlin. Das Ariadne Krimiprogramm setzt seit 25 Jahren auf Kriminalromane als politisches Kulturprojekt, so dass sich die gegenwärtige Entwicklung in wechselnde Erfahrungslandschaften einreiht.

Gemeinsam mit engagierten AutorInnen, interessierten Lesenden und Fachpublikum wollen wir öffentlich ausloten und diskutieren, was die »Konjunktur« des Politischen für Krimis als Kulturprojekt bedeutet, für politisch motivierte AutorInnen, für die interessierte Leserschaft, für Kritiker, für den Buchhandel und für die Kriminalliteratur an sich.

DER KRIMI IST POLITISCH
Veranstaltungsreihe
4 Montage im Herbst

1. Abend: Montag, 26. August, 20 Uhr
Einführungsveranstaltung: Krimis als Fenster zur Welt
Kriminalliteratur kann Gesellschaftsbarometer und Brücke zu fremden Kulturen sein; das Beispiel Südafrika.
Mit Charlotte Otter und Verlegerin Else Laudan

Otter liest aus Balthasars Vermächtnis (geschrieben auf Englisch, aber die Autorin lebt seit vielen Jahren in Deutschland und kennt beide Kulturen genau). In einer offenen Diskussion könnte es um diverse Themen gehen: die südafrikanische Gesellschaft, Leser/innen-Erwartungen an politische Krimis, warum Hardboiled und Noir gerade jetzt so beliebt sind, geografische und politische Horizonterweiterung als Aufgabe von Unterhaltungsliteratur, Gender und soziale Themen u. v. m.

2. Abend: Montag, 23. September, 20 Uhr
Geschichte als Verbrechen.
Historische Ereignisse im politischen Spannungsroman.
Mit Clementine Skorpil und Robert Brack

Gefallene Blüten

Gefallene Blüten

Die österreichische Sinologin Clementine Skorpil hat einen historischen Shanghai-Krimi geschrieben, der Leben und Sterben im präkommunistischen China zeigt: Gefallene Blüten spielt 1926, Protagonisten sind eine alte Frau vom Lande, die ihre verschollene Enkelin sucht, und ein junger Städter, der in Paris studiert hat und seitdem auf eine kommunistische Revolution hofft, um China aus dem Würgegriff von Kolonialisten und Triaden zu befreien.

Der Krimi beleuchtet die Situation der Kurtisanen, Politik- und Geschlechterverhältnisse im Shanghai der Zwanziger, wo Kulturen aufeinanderprallen, wo die industrielle Revolution tobt, während ›fremde Teufel‹ und heimische Gangster absahnen.

Blutsonntag

Blutsonntag

Der Hamburger Robert Brack hat sich kriminalliterarisch mit den Verhältnissen im kommunistischen Polen und dem postkommunistischen Osteuropa auseinandergesetzt, in seinen Romanen Blutsonntag und Und das Meer gab seine Toten wieder schickt er die unerschrockene Kommunistin Klara Schindler auf Spurensuche und verschränkt zeitgeschichtliche Fakten der 1930er mit einer fiktiven Handlung, um Hintergründe und Zusammenhänge zum Leben zu erwecken (sein aktuelles Buch Unter dem Schatten des Todes befasst sich mit dem Reichstagsbrand):

Unter dem Schatten des Todes

Unter dem Schatten des Todes

Beide gehen engagiert in ihren Krimis der Frage nach, auf welche Realität die kommunistische Idee einst historisch zu antworten suchte und wie sie auf die Verhältnisse prallte. Ein Abend mit Lesung, Diskussion und bunten Überlegungen zum linken historischen Spannungsroman.

3. Abend : Montag, 28. Oktober, 20 Uhr
Gerechtigkeit? Für wen?
Das Kriminelle im Hier und Jetzt: Standort Deutschland im patriarchalen globalisierten Kapitalismus.
Mit Merle Kröger und Christine Lehmann

Die Berliner Filmemacherin und Autorin Merle Kröger und die Stuttgarter Journalistin und Autorin Christine Lehmann verbindet einiges: Beide möchten das Publikum anregen und aufklären, ohne zu belehren, beide schreiben in hoher literarischer Qualität, mit feministischer Ethik, mit unbedingtem Realismusanspruch und präziser Milieukenntnis – und mit einer Vorliebe für Themen, die in vielen Köpfen klischee- und vorurteilsbeladen sind.

Grenzfall

Grenzfall

Merle Krögers Grenzfall (Deutscher Krimi Preis 2013, Stuttgarter Krimipreis) nimmt ins Visier, wie unsere Gesellschaft in der Auseinandersetzung mit kulturell anderen versagt, und rückt die Grenzen der europäischen Rechtsauffassung ins Bild. Stichworte: Migranten, Roma, Rechtsextreme, Europa, soziale Gerechtigkeit.

Die Affen von Cannstatt

Die Affen von Cannstatt

Christine Lehmanns neuer Roman Die Affen von Cannstatt erzählt aus der Perspektive einer in U-Haft sitzenden Frau, die nichts verbrochen hat, aber Tochter einer gesuchten Kindsmörderin ist. Der eher düstere Roman spielt großenteils im Knast, in U-Haft und im Zoo. Stichworte: Gefangenschaft, Verbrecherinnen, Matriarchat in der Tierwelt, weibliche Aggression, Kindstötung.

Beide Autorinnen lesen aus ihren Büchern und diskutieren miteinander und mit dem Publikum. Diskussionsthemen könnten z. B. sein: Identität in unserer Kultur, Determinanten von Identität wie Arbeit, Herkunft und Geschlecht, Lebensplan und Aufgehobenheit, fiktive bzw. Serienfiguren.

4. Abend: Montag, 25. November, 20 Uhr
WIE SCHREIBEN?
Spannende, entlarvende Fiktion aus realen Verbrechen:
Abschlussveranstaltung mit der Grande Dame des Noir.
Mit Dominique Manotti und ihrer Lektorin Iris Konopik als Dolmetscherin.

Lieber als aus ihren Werken vorzulesen sucht Manotti den Dialog mit dem Publikum, was gut für eine Abschlussveranstaltung passt. Eine tolle Gelegenheit, nicht nur über die sozialkritische Kompetenz des Noir zu sprechen, sondern auch über den Prozess des Schreibens über Verbrechen, über die literarische Form und ihre Wechselwirkung mit den politischen Inhalten.

»Ich schreibe über den Verlust und die Katastrophen. Nicht der gesamte roman noir ist links. Doch findet man im Genre viele 68er, die die Hoffnungen der Epoche nicht verraten haben, viel mehr als in anderen Berufsgruppen.

(…) Ich habe eine schwarze (noir) Sicht auf die Dinge, weil ich glaube, dass meine Generation die sozialen Veränderungen, die ich wollte und von denen ich träumte, nicht mehr erleben wird. (…) In unseren Romanen gehen wir zur Geschichte zurück, zur Anekdote, zu den Subjekten. Das ist eigentlich ziemlich klassisch. Wir sind Geschichtenerzähler.« (Manotti im Interview 2004).

... und noch eine Buchperlen-Leseempfehlung: Das schwarze Korps von Dominique Manotti

… und noch eine Buchperlen-Leseempfehlung: Das schwarze Korps von Dominique Manotti

Im Dialog mit Dominique Manotti und Iris Konopik lassen sich abschließend nochmals geballt die interessantesten Themen der vorangegangenen Veranstaltungen aufgreifen: Reflexion über Aufgaben, Möglichkeiten und literarische Herausforderungen politischer Kriminalliteratur.

Ort für alle 4 Abende: Buchladen Osterstraße
Osterstraße 171, 20255 Hamburg, Kartenvorbestellungen per Tel. 040/491 95 60
E-Mail: info@buchladen-osterstrasse.de
Eintritt pro Veranstaltung: 5 Euro

Infos: Download Krimi-ist-politisch_Veranstaltungsreihe-in-HH

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