Feuchtgebiete von Charlotte Roche. Der Roman wurde insbesondere durch den sehr offenen Umgang der Protagonistin mit ihrem eigenen Körper und verschiedenen Sexualpraktiken bekannt. Der Film …

Feuchtgebiete ist der erste Roman von Charlotte Roche. Er erschien im Februar 2008 und wurde insbesondere durch den sehr offenen Umgang der Protagonistin mit ihrem eigenen Körper und verschiedenen Sexualpraktiken bekannt.

Feuchtgebiete

Feuchtgebiete

Feuchtgebiete [Ungekürzte Ausgabe] als Taschenbuch
Charlotte Roche
Taschenbuch: 224 Seiten
Verlagsinformation: Ullstein; Auflage: 1. (9. Juli 2009)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3548280404
ISBN-13: 978-3548280400

Nach einer missglückten Intimrasur liegt die 18-jährige Helen auf der Inneren Abteilung von Maria Hilf. Dort widmet sie sich jenen Bereichen ihres Körpers, die gewöhnlich als unmädchenhaft gelten.

Kaum ein Buch hat in den letzten Jahren soviel Aufsehen erregt wie dieses. Es wurde verrissen, missverstanden, in den Himmel gelobt und als Befreiungsschlag gefeiert. Es hat eine Debatte ausgelöst und wurde auf die Bühne gebracht: eine einzigartige Erfolgsgeschichte!

Leseprobe

Solange ich denken kann, habe ich Hämorrhoiden. Viele, viele Jahre habe ich gedacht, ich dürfte das keinem sagen. Weil Hämorrhoiden doch nur bei Opas wachsen. Ich fand die immer sehr unmädchenhaft. Wie oft ich mit denen schon beim Proktologen war! Der hat mir aber empfohlen, die dran zu lassen, solange sie mir keine Schmerzen verursachen. Das taten sie nicht. Sie juckten nur. Dagegen bekam ich von meinem Proktologen Dr. Fiddel eine Zinksalbe.
Für das äußere Gejucke drückt man aus der Tube eine haselnussgroße Menge auf den Finger mit dem kürzesten Nagel und verreibt sie auf der Rosette. Die Tube hat auch so einen spitzen Aufsatz mit vielen Löchern drin, damit ich die anal einführen und da hinspritzen kann, um den Juckreiz sogar innen zu stillen.
Bevor ich so eine Salbe hatte, hab ich mich im Schlaf so feste mit einem Finger am und im Poloch gekratzt, dass ich am nächsten Morgen einen kronkorkengroßen dunkelbraunen Fleck in der Unterhose hatte. So stark war der Juckreiz, so tief der Finger drin. Sag ich ja: sehr unmädchenhaft.
Meine Hämorrhoiden sehen ganz besonders aus. Im Laufe der Jahre haben die sich immer mehr nach außen gestülpt.
Einmal rund um dieRosette sind jetzt wolkenförmige Hautlappen, die aussehen wie die Fangarme einer Seeanemone.
Dr. Fiddel nennt das Blumenkohl…

Handlung

wikipedia-info: Helen Memel ist 18 Jahre alt und liegt auf der proktologischen Abteilung eines Krankenhauses. Sie wartet darauf, dass sie wegen einer Analfissur, die sie sich während der Intimrasur der Anusregion zugezogen hat, und wegen ihrer Hämorrhoiden operiert wird. Helen hegt die stille Hoffnung, dass ihre geschiedenen Eltern durch den Krankenhausaufenthalt der Tochter wieder zusammenfinden. Sie versucht, dies zu forcieren und ihren Krankenhausaufenthalt zu diesem Zweck zu verlängern, und berichtet von ihren bisherigen sexuellen Erfahrungen, ihrer Einstellung zu Menstruationsblut, Urin, Eiter, Sperma, Smegma und von ihr angewendeten Selbstbefriedigungspraktiken.

Nebenbei züchtet sie Avocados, deren Kerne sie auch in ihre Masturbation einbezieht. Sie flirtet mit dem Krankenpfleger Robin, der ihr beim Fotografieren der Fissur hilft. Als sie sieht, wie er mit einer Kollegin spazieren geht, wundert sich Helen über ihre Eifersucht. Letztlich gelingt es ihr trotz einiger Bemühungen nicht, ihre Eltern zu versöhnen. Sie will den Kontakt zu ihrer Mutter, bei der sie wohnt, abbrechen. Um auch ihren Bruder von der Mutter zu entfremden, enthüllt sie ihm das Kindheitstrauma, das er verdrängt hat und an dem die Mutter schuld ist. Zum Schluss fragt sie Robin, ob sie bei ihm wohnen dürfe. Er wartet kurz, während Helen in ihrem Krankenzimmer eine stille Botschaft für ihre Familie hinterlässt. Daraufhin verlassen beide das Krankenhaus, um auf seinem Fahrrad zu ihm nach Hause zu fahren.

Hintergrund und persönlicher Bezug

Der Roman geht in expliziter und provokanter Weise mit Themen wie Ekel und Sexualität um.

Die Erzählerin berichtet von ihrer Praxis mit sexuell motiviertem autoaggressivem Verhalten, Exkrementophilie oder Mukophagie („Körperausscheidungsrecyclerin“) und Gedanken an Inzest und zahlreiche andere Tabuthemen.

Roche zufolge soll das Buch auf bestehende Tabuisierungen in der Gesellschaft hinweisen und übertriebene Reinlichkeitsvorstellungen kritisieren. So werde als Hauptproblem vieler Frauen neben Komplexen bezüglich ihrer Figur auch Hemmungen im Umgang mit ihrer eigenen Körperlichkeit gesehen, die sich insbesondere auf das Sexualleben negativ auswirken würden. Jedoch liege gerade in Körpergerüchen und -flüssigkeiten des Partners ein erotischer Reiz, der durch überzogene kulturelle Hygienevorstellungen oftmals übersehen werde.

Roche fordert einen offenen und weniger verkrampften Umgang mit der Sexualität und dem eigenen Körper. Sie lehnt gesellschaftliche Schönheitsnormen wie Schamhaarentfernung oder Schlankheit nicht rigide ab, appelliert aber für ein reflektiertes Verhältnis diesen gegenüber. Frauen sollten sich fragen, ob sie bestimmte Maßnahmen nur unternehmen, um Männern zu gefallen, oder ob es ihren eigenen Wünschen entspricht. Auch eine kritische Auseinandersetzung mit neuen Entwicklungen wie Schamlippenverkleinerung und Anal bleaching sieht sie als notwendig an.

Das Buch hat weitgehende persönliche Bezüge, laut Roche „sind 70 % des Buches autobiographisch“. Wie Helen Memel war Roche in ihrer Jugend sehr rebellisch und liebte die Provokation. Auch in einigen Details zeigen sich Parallelen, zum Beispiel hat auch Roche ein Brustwarzenpiercing. Roches „Hygienekritik“ äußert sich in dem oft normwidrigen und „ekligen“ Verhalten von Helen Memel.

Am 27. September 2008 fand im Neuen Theater Halle die Premiere zum gleichnamigen Theaterstück statt.

Rezeption

Feuchtgebiete ist der erste Roman von Charlotte Roche. Ursprünglich sollte das Buch im Verlag Kiepenheuer & Witsch erscheinen, der aber das Werk als „pornografisch“ bezeichnete. Das Buch fand ein großes Medienecho und stieg kurz nach Veröffentlichung im März 2008 auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste. In vielen Rezensionen wird der offene Umgang mit gesellschaftlichen Tabus und der unbefangene Erzählstil gelobt. Es finden sich jedoch auch kritische Meinungen, welche den derben Erzählstil sowie die schlichte Handlung oder den „Pseudo-Tabubruch“ kritisieren.

„[…] ein Super-Girl im Pipi-Kaka-Land“
– Andrea Ritter, Silke Müller, Ulrike Schäfer: Die Zotenkönigin von Muschiland, Stern, Nr. 19, 30. April 2008, S. 175

Zum gleichnamigen Theaterstück hieß es in der Süddeutschen Zeitung: „Offenbar hat die Regisseurin aus dem Mario-Barth-Effekt der Feuchtgebiete-Lesungen gelernt: Wenn das Tabu zum Kollektiverlebnis wird, mag vielleicht befreit gelacht werden, aber was so offenherzig daherkommt, ist doch nur doof und banal. Christina Friedrich macht aus dem Text ein Kondensat extremer Schmerz- und Lusterfahrungen einer jungen Frau – und nimmt Roches Figur damit ernster als die Autorin selbst.“

Bestseller des Jahres

Der Roman wurde zum Bestseller des Jahres 2008 ernannt. Laut dem Marktforschungsunternehmen Media Control wurde die Geschichte mehr als 1,3 Millionen Mal verkauft; das Buch stand 30 Wochen an der Spitze der Literatur-Charts.

Ausgaben

Charlotte Roche: Feuchtgebiete. Roman. 1. Auflage. DuMont Buchverlag, Köln 2008, ISBN 978-3-8321-8057-7.
Charlotte Roche: Feuchtgebiete. Hörbuch, ungekürzte Lesung, Audibook, 5 CDs. Random House Audio, ISBN 978-3866048720 (Gelesen von Charlotte Roche, Regie: Sabine Buß).
Charlotte Roche: Feuchtgebiete. Einmalige illustrierte Ausgabe mit Zeichnungen der Autorin. DuMont, Köln 2008, ISBN 978-3-8321-8101-7.
Charlotte Roche: Feuchtgebiete. Ungekürzte Taschenbuchausgabe. 1. Auflage. Ullstein Taschenbuch 28040, Berlin 2009, ISBN 978-3-548-28040-0.

Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien

Auf Antrag der Stadt Witten führte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien ein Indizierungsverfahren gegen den Roman (Pr. 744/08), jedoch wurde eine Listenaufnahme abgelehnt.

Feuchtgebiete, Film

Feuchtgebiete, Film

Verfilmung

Am 25. November 2009 förderte das Medienboard Berlin-Brandenburg die Entwicklung eines Drehbuchs mit 36.000 €. Die Dreharbeiten wurden geheim gehalten. Die Weltpremiere ist auf dem Filmfestival Locarno im August 2013.

In den deutschen Kinos startet der Film am 22. August 2013 im Majestic Filmverleih. Produzent ist Peter Rommel, Regie führt David F. Wnendt. Die Hauptrolle spielt Carla Juri, weitere wichtige Darsteller sind Christoph Letkowski, Meret Becker, Axel Milberg, Edgar Selge und Marlen Kruse.

Dokumentarfilme

Feuchtgebiete erforschen – Charlotte Roche und ihre Leser. Dokumentation von Hilka Sinning, Deutschland 2009, ZDF/Arte, 52 Minuten

Theateraufführungen

Neues Theater Halle (Uraufführung), Regie und Bühnenfassung: Christina Friedrich (2008)
Theaterforum Kreuzberg, Berlin, Regie & Bühnenfassung: Lisa Graeme
Brandenburger Theater, Regie und Bühnenfassung: Christiane Ziehl (2010)
Theater Liga, Hamburg, Regie und Bühnenfassung: Peter Dorsch (2010)

Weblinks

Drehbericht im Hollywood Reporter von Karsten Kastelan, 25. Oktober 2012
Das Lexikon der TV-Moderatoren: Charlotte Roche
Indizierungsverfahren gegen Feuchtgebiete
Feuchtgebiete-Verfilmung, fem.com, abgerufen am 27. September 2010
Majestic Filmverleih

Literatur-Recherche: Feuchtgebiete, Schossgebete und 33 Muschitricks

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