Der Tag der Heuschrecke. Ein Roman von Nathanael West. Die Wiederentdeckung eines grossartigen US-amerikanischen Kultautors

Nathanael West
Der Tag der Heuschrecke
Roman
Mit Nachwort von Bernd Eilert
Originaltitel: The Day of the Locust
Aus dem Amerikanischen von Klaus Modick
ISBN: 978-3-641-11878-5
€ 15,99 [D] | CHF 20,00* (* empf. VK-Preis)
Manesse Verlag: für weitere Informationen bitte hier klicken

Der Tag der Heuschrecke

Der Tag der Heuschrecke

Wiederentdeckung eines US-amerikanischen Kultautors

Hollywood

… nirgends gedeihen Illusionen prächtiger, nirgends werden sie rascher entsorgt. Hauptsache, die Show geht weiter. Dieser Roman ist eine herrlich respektlose Nahaufnahme der Traumfabrik, eine filmreife Parodie auf Starkult und kollektiven Selbstbetrug.

Keiner hat das wahre Hollywood mit seinen Widersprüchen, Abgründen und Hell-Dunkel-Kontrasten schärfer erfasst als Nathanael West. In seiner Satire widmet er sich den Schattenseiten einer durch und durch künstlichen Welt, in der die Verlierer in der Überzahl sind: die ewigen Statisten, Sternchen, Schmalspurdiven und Reservehelden. Je zweifelhafter deren Aussicht auf das große Los, desto verbissener hängen sie ihren Illusionen nach – und überbieten sich in einer Parade der Peinlichkeiten und Selbstentblößungen.

Einmal mehr besticht Nathanael West hier mit der hohen Kunst der Zuspitzung. Schonungslos bis zum Zynismus legt er das Urkomische im Tragischen frei und entlarvt seine Figuren als hoffnungslose Träumer, ohne sie dabei zu diffamieren. Wunsch und Wirklichkeit mögen noch so weit auseinanderklaffen, menschliche Sehnsüchte sind einfach nicht totzukriegen. So ist dieses Buch eine Demaskierung des neuzeitlichen Wahns, um jeden Preis ein Star werden zu müssen, und ein tiefer Seufzer angesichts evidenter Aussichtslosigkeit.

Nathanael West (1904–1940), Sohn litauischer Juden, wurde als Nathan Weinstein in New York geboren. In den 1930er-Jahren Drehbuchschreiber in Hollywood, war er mit so namhaften Schriftstellerkollegen wie F. Scott Fitzgerald oder Dashiell Hammett befreundet. Sein schmales, aber hochkarätiges Erzählwerk weist ihn als gewitzten Kritiker neuzeitlicher Glücksideologien aus.

Lesungen & Events

04.11.2013 20.00 Uhr
Nathanael West
Der Tag der Heuschrecke
Manesse Verlag
Lesung mit Klaus Modick und Bernd Eilert
Theater Laboratorium
Kleine Straße 8
26121 Oldenburg
Weitere Informationen:
Buchhandlung Isensee GmbH
Tel. 0441/36142410
buchhandlung@isensee.de

Zitate

«Wahnsinnig komisch, furchtbar traurig, knallhart und liebenswert, zornig und nachsichtig – niemand gleicht Nathanael West.» Dorothy Parker

«Ein aktueller Gewährsmann für all jene, die dauerhaft gefangen sind im Zwiespalt zwischen der Welt, wie wir sie uns denken und wünschen, und der, die wir als die wirkliche erfahren.» James Sallis

«Bis heute das beste Buch über die Geldvermehrungs- und Menschenvernichtungsmaschine Hollywood.» Peter Zimmermann, ORF Ex libris (15.05.2011)

Klaus Modick (geb. 1951), Schriftsteller und Essayist, hat sich in etlichen seiner Werke mit US-amerikanischen Themen beschäftigt. Seit Jahrzehnten übersetzt er englischsprachige Autoren von Weltrang ins Deutsche, darunter Robert Louis Stevenson, John O’Hara, Charles Simmons und William Gaddis.

wikipedia-info: Nathanael West (* 17. Oktober 1903 in New York City als Nathan Wallenstein Weinstein; † 22. Dezember 1940 in El Centro, Kalifornien) war ein amerikanischer Schriftsteller. Er veröffentlichte zu Lebzeiten nur vier Novellen bzw. kurze Romane, die recht erfolglos blieben. Erst seit den 1950er Jahren fanden sie den Beifall der Kritiker und wurden einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Heute gilt er als einer der Klassiker der modernen amerikanischen Literatur und einer der Wegbereiter der Postmoderne.

Frühe Jahre von Nathanael West

Nathanael West wurde 1903 als Nathan Wallenstein Weinstein in New York geboren. Seine Eltern waren deutschsprachige Juden aus dem damals russisch beherrschten Litauen, die um 1890 nach Amerika ausgewandert waren. Sein Vater Max Weinstein hatte innerhalb kurzer Zeit ein florierendes Bau- und Immobilienunternehmen aufgebaut und es zu einigem Wohlstand gebracht, und so verbrachten West und seine Schwestern Laura und Hinda eine behütete Kindheit. Die Weinsteins legten bei der Erziehung Nathans und seiner Schwestern Hinda und Laura großen Wert auf Schulbildung, kaum jedoch auf Religion; so wurde Nathan zwar wohl rituell beschnitten, wurde aber nie Bar Mitzwa. Weil sie im zaristischen Russland Antisemitismus und Ausgrenzung ausgesetzt gewesen waren, erträumten sie für ihre Kinder eine völlige Integration in die amerikanische Gesellschaft. Im Sinn dieser angestrebten Assimilation schickten sie ihre drei Kinder auf öffentliche Schulen in Manhattan und begeisterten den jungen Nathan Weinstein für Baseball. Die Sommer seiner Jugend verbrachte er meist im Camp Paradox, einem Ferienlager für Kinder vermögender Eltern in den Adirondacks. Gleichwohl sahen sich die Weinsteins auch in Amerika als Teil des Bildungsbürgertums und gaben ihrem Sohn die europäischen Klassiker wie Shakespeare, Dickens, Hardy, Tschechow und Dostojewski zu lesen.

Umso mehr enttäuschte es seine Eltern, dass sich Nathan zu einem bemerkenswert schlechten Schüler und notorischen Schwänzer entwickelte. Ab 1917 besuchte er die renommierte DeWitt Clinton High School, verließ sie aber 1920 ohne Schulabschluss. Mit einem eigenhändig gefälschten Abschlusszeugnis schrieb er sich 1921 am Tufts College ein, wurde aber wegen seiner schlechten akademischen Leistungen und häufiger Fehlzeiten bereits nach einem Semester zwangsexmatrikuliert. In dieser Notlage kam ihm der Zufall zu Hilfe: Am College studierte ein weiterer Nathan Weinstein, dessen Zeugnisse auf ungeklärtem Weg in die Hände seines Namensvetters gerieten. Mit den Unterlagen des anderen Nathan Weinstein immatrikulierte sich der spätere Nathanael West nicht nur erfolgreich an der Brown University, einer der ältesten und renommiertesten Hochschulen der USA, sondern sie ermöglichten es ihm auch, seine Seminare weitgehend auf die Geisteswissenschaften zu beschränken; die erforderlichen credits in den ungeliebten Naturwissenschaften hatte sein Namensvetter bereits erbracht.

In seiner Zeit auf der Brown University wandelte sich West zu einem wenn nicht vorbildlichen, so doch passablen Studenten. Die Zuwendungen seiner Eltern ermöglichten ihm ein angenehmes Leben. Er kultivierte einen Ruf als Campus-Dandy, kleidete sich in teure Brooks-Brothers-Anzüge und war häufiger Gast auf Tanzveranstaltungen. Auch den Frauen war er offenbar zugeneigt, allerdings hatte er sich schon vor seiner Immatrikulation die Gonorrhö zugezogen. Er las viel, insbesondere Werke der europäischen wie amerikanischen Avantgarde, und zeigte großes Interesse an recht abwegigen und grotesken Themen; so war er bewandert in der mystischen Literatur des Mittelalters und Spezialist für die Militärstrategien von der Antike bis zur Neuzeit. Bei aller Popularität litt er jedoch sehr darunter, dass ihm als Jude der Beitritt zu einer der vielen Studentenverbindungen verwehrt blieb. Er selbst wurde zunehmend zum Antisemiten – so verschmähte er jüdische Frauen und nannte sie verächtlich bagels.

Namensänderung von Nathanael West

Sein kompliziertes Verhältnis zu seiner jüdischen Herkunft zeigt sich deutlich in seinem Unbehagen mit seinem Namen, der ihm zu eindeutig jüdisch erschien. Bereits bei seiner Immatrikulation am Tufts College hatte er seinen Namen als „Nathaniel Weinstein“ angegeben – ein klassischer Vorname der WASP-Elite Neuenglands. Während seiner Zeit an der Brown-Universität gab er seinen Kommilitonen oft diskret zu verstehen, er sei adligen Blutes, und nannte sich fortan „Nathanael von Wallenstein Weinstein“. Wallenstein war tatsächlich der Geburtsname seiner Mutter Anna, und in ihrer Familie wurde seit Generationen über eine mögliche Verwandtschaft mit dem Herzog von Friedland und Mecklenburg spekuliert; Nathanael galt als eine besonders distinguierte Schreibweise des Vornamens. Am 16. August 1926 änderte er seinen Namen dann amtlich zu Nathanael West. Über die Wahl des Nachnamens ist viel spekuliert worden. West selbst gab an, Horace Greeleys berühmter Empfehlung Go West, young man! gefolgt zu sein. Tatsächlich war wohl aber sein Cousin Sam Weinstein das Vorbild; er hatte den Namen „West“ schon einige Zeit im Geschäftsverkehr verwendet.

Nathanael West nach 1924

Nach seinem Studium überredete er seine Eltern, ihm einen Parisaufenthalt zu finanzieren. Zu dieser Zeit zog es Tausende künstlerisch ambitionierte Amerikaner, die so genannte Lost Generation, nach Paris, um sich dort dem Leben der Bohème hinzugeben. West verbrachte nur knapp drei Monate in Frankreich. West, der von seinen Zeitgenossen und Biografen oftmals als notorischer Lügner und zwanghafter Rollenspieler beschrieben wurde, sollte in späteren Jahren oft behaupten, er habe dort ganze drei Jahre verbracht. In den 1930er Jahren schlug er sich mehr schlecht als recht als Drehbuchschreiber in Hollywood durch. Er war mit Schriftstellern wie Dashiell Hammett oder William Carlos Williams befreundet; der Humorist S. J. Perelman war sein Schwager. Nathanael West starb 1940 in Kalifornien zusammen mit seiner Frau bei einem Autounfall.

Schaffen von Nathanael West

Nathanael West hat in seiner kurzen Schaffenszeit vier kleinere Romane bzw. Novellen verfasst. The Day of the Locust gilt als das beste Buch, das je über Hollywood geschrieben wurde. Die Story spielt während der Great Depression und beschreibt die Entfremdung und Verzweiflung einer inhomogenen Gruppe von Menschen, deren Träume von Erfolg gescheitert sind. Eine der Hauptpersonen im Roman heißt „Homer Simpson“. Nicht auf ihn geht wohl der Name der Hauptfigur aus der bekannten Zeichentrickserie Die Simpsons zurück; die Namensgleichheit macht die Rezeption des Romans für manche Leser heute schwierig. Verfilmt wurde The Day of the Locust 1975; das Drehbuch schrieb Waldo Salt, Regie führte John Schlesinger. Die Rolle des Homer Simpson wurde von Donald Sutherland gespielt; weiter wirkten mit Billy Barty, Karen Black und Burgess Meredith.

Werke von Nathanael West

The Dream Life of Balso Snell. 1931.
Miss Lonelyhearts. 1933. (Reclam, Stuttgart 1991, ISBN 3-15-009275-2)
Schreiben Sie Miss Lonelyhearts. Diogenes, Zürich 1961. (ebd. 1987, ISBN 3-257-20058-7)
Miss Lonelyhearts : Roman, Aus dem amerikan. Englisch übers. und hrsg. von Dieter E. Zimmer, Zürich : Manesse, 2012, ISBN 978-3-7175-2274-4
A Cool Million. 1934.
Eine glatte Million oder Die Demontage des Mister Lemuel Pitkin. Diogenes, Zürich 1972. (ebd. 1987, ISBN 3-257-20249-0)
Neuauflage; aus dem Englischen von Dieter E. Zimmer, Manesse Verlag, Zürich 2011, ISBN 978-3-7175-2232-4.
The Day of the Locust. 1939. (Penguin, London 2006, ISBN 0-14-102365-1)
Tag der Heuschrecke. Diogenes, Zürich 1964. (ebd. 1997, ISBN 3-257-20059-5)

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