Trauer: Der US-Musiker Lou Reed ist tot. Er starb im Alter von 71 Jahren. Walk on the Wild Side…

Lou Reed (eigentlich Lewis Allan Reed) (* 2. März 1942 in Freeport, Long Island, New York; † 27. Oktober 2013 Long Island, New York) war ein US-amerikanischer Singer-Songwriter und Gitarrist. Er war zusammen mit John Cale Gründungsmitglied der von Andy Warhol inspirierten Band The Velvet Underground.

Erste musikalische Schritte

1963 zog Reed nach New York City, wo er als Songschreiber für das Plattenlabel Pickwick Records arbeitete, das Tanzmusik am Fließband produzierte. 1964 hatte er einen kleinen Hit mit The Ostrich als Parodie auf einen gerade populären Tanz. Die Plattenproduzenten wurden bald auf das Nachwuchstalent Reed aufmerksam. Im gleichen Jahr gründete er zusammen mit John Cale spontan die Gruppe The Primitives. Reed hatte John Cale, der Musik studierte, zufällig in New York kennengelernt. Cale war überrascht von der neuen Art, wie Lou Reed Gitarre spielte. Reed hatte die Angewohnheit, jede einzelne Saite seiner Gitarre gleich zu stimmen, um einen sogenannten Drone zu erzeugen, was mit Cales experimenteller Musik kongruierte. Als Cale das Repertoire von Reeds Kompositionen hörte (u. a. eine frühe Version von Heroin), beschlossen beide, zusammenzuarbeiten und ein Bandprojekt zu realisieren.

The Velvet Underground

Hauptartikel: The Velvet Underground

Hauptartikel: The Velvet Underground (Album)

1965 traten Cale und Reed, ergänzt um Sterling Morrison und Angus MacLise, zum ersten Mal unter dem Namen The Velvet Underground auf. Diese stilprägende Band ist trotz Reeds späterer erfolgreicher Solokarriere bis heute untrennbar mit seinem Namen verbunden. Reed war neben John Cale Mitbegründer und Mastermind der von Andy Warhol geförderten Band und spielte Gitarre, sang und schrieb die meisten der Songs. Obwohl die Band während ihres Bestehens kommerziell nicht erfolgreich war, gilt The Velvet Underground als eine der einflussreichsten Untergrund-Bands aller Zeiten und als Wegbereiterin der späteren Independent- und Punk-Musik. Ein Achtungserfolg war das Debütalbum The Velvet Underground & Nico (das Album mit dem bekannten Bananen-Cover)

The Velvet Underground and Nico

The Velvet Underground and Nico

mit der deutschstämmigen Sängerin Nico, mit der Lou Reed kurz liiert war. Einen Vorgeschmack auf Reeds späteres Werk in den 70ern sollte die folgende LP White Light/White Heat geben, auf der mit atonalen Rückkopplungen gearbeitet wird.

Die 1970er Jahre

Hauptartikel: Loaded

Nach der Trennung von Velvet Underground startete Reed 1972 seine Solokarriere mit einem selbstbetitelten Debütalbum. Es enthält vor allem Stücke, die in der Spätphase von Velvet Underground entstanden sind. Trotz guter Kritiken blieb der kommerzielle Erfolg aus. Das Album erreichte lediglich Rang 189 der US-amerikanischen Billboard-Charts, während es in Großbritannien nicht einmal eine Platzierung erzielen konnte. Aus dem Album wurden zwei Singles ausgekoppelt (Going Down und Wild Child).

Noch im gleichen Jahr veröffentlichte Reed das Glam-Rock-Album Transformer, das von David Bowie produziert wurde. Dieses brachte ihm zum ersten Mal eine gewisse Massenpopularität ein – besonders der Titel Walk on the Wild Side

Walk on the Wild Side-Live 1974

Walk on the Wild Side-Live 1974

Link zum Thema: Walk on the Wild Side-Live 1974 – Lou Reed

(mit dem Baritonsaxofon-Solo von Ronnie Ross) ist heute ein Klassiker. 1973 folgte das Album Berlin, das von einer gescheiterten Liebesgeschichte zweier Junkies in dieser Stadt handelt. Das Album zeichnet sich durch seine bedrückende Stimmung aus und enthält Stücke wie Caroline Says II (Gewalt), The Kids (Prostitution und Drogenmissbrauch), The Bed (Suizid) und, nicht überraschend, Sad Song. Berlin wird heute oft als sein Meisterwerk betrachtet, stieß aber zur Zeit seiner Veröffentlichung bei Presse und Publikum auf fast völliges Unverständnis und Entsetzen. Lou Reed war über dieses Scheitern so enttäuscht, dass er nach eigener Aussage die „Schotten dichtmachte“. In seinem Fall bedeutete es schroffe Konfrontation oder verächtliche Indifferenz gegenüber der Rockmusikpresse, seinem damaligen Publikum und seiner eigenen kommerziellen Karriere für den Rest des Jahrzehnts. Das und nicht zuletzt die Strapazen der schier endlosen Tourneen haben das ihre getan, um ihn bis an den Rand des Abgrundes zu führen. In späteren Interviews hat er dennoch viele seiner damaligen Exzesse auch als Ausdruck einer etwas infantilen Trotzhaltung selbstkritisch reflektiert.

1975 produzierte er dann das Doppelalbum Metal Machine Music, das nur noch aus Gitarrenfeedbacks besteht und von einigen als Versuch gewertet wurde, von seinem Plattenvertrag und/oder seinem damaligen Manager loszukommen, von denen er sich sowohl finanziell und als auch künstlerisch geknebelt fühlte. Der Rockjournalist Lester Bangs bezeichnete das Album als genial. Obwohl die Angaben zur Besetzung fiktiv sind, legt Reed Wert auf die Feststellung, dass es sich durchaus um eine ernsthafte Arbeit handelte. Auf jeden Fall war es eine bis dahin unerhörte Provokation gegenüber einem „Major Label“ von Seiten eines damals durchaus kommerziell erfolgreichen Plattenkünstlers. Mittlerweile wurde das Werk von dem Berliner Ensemble für zeitgenössische Musik Zeitkratzer für klassisch-akustische Instrumente transkribiert und 2002 in dieser Stadt uraufgeführt. Auf das wütende MMM folgte das melodisch sanfte Album Coney Island Baby, das ihn wieder in die Charts zurückbrachte. Reeds Platten der späten 70er Jahre werden von Kritikern als weniger erfolgreich und eher unausgewogen gewertet. Das wird auf seine zunehmenden Drogenprobleme zurückgeführt und auf die Tatsache, dass die Plattenfirmen Reed in musikalischer Hinsicht nur wenig Spielraum ließen.

Die 1980er Jahre

In den frühen achtziger Jahren gab Reed das selbstzerstörerische Leben und die Endlostourneen auf, um sich für ihn wichtigeren Dingen zuzuwenden, zum Beispiel seinem gefeierten Comeback-Album The Blue Mask. Er heiratete Sylvia Morales, von der er inzwischen wieder geschieden ist; diese wurde dann zu seiner langjährigen Managerin. Diese Kehrtwendung zu einer reiferen, nüchterneren und daher sensationsärmeren Lebenshaltung und Arbeitsdisziplin spiegelte sich in seinen eher ruhigen und abgeklärten Platten dieser Dekade wider. Das stieß wieder einmal auf harsche Kritik in der Rockmusikpresse, für die er oft als Inbegriff des gnadenlosen Rebellen galt. Reed hatte aber schon früh verlauten lassen, dass er eher auf Langfristigkeit und Selbstkontrolle setzt und der eher zwiespältigen Rolle des „Rock-and-Roll-Opfers“ sehr kritisch gegenübersteht.

Die 1990er Jahre

Mit seinem sehr erfolgreichen Album New York von 1989 feuerte Reed eine wütende Salve auf die politischen Probleme seiner Heimatstadt, z. B. Umweltverschmutzung, soziale Ungerechtigkeit und Rassismus. Er machte auch nicht davor Halt, in seinen Liedern Namen zu nennen, so z. B. Jesse Jackson, Papst Johannes Paul II., Kurt Waldheim und Stevie Wonder. Die ehemalige Velvet-Underground-Schlagzeugerin Moe Tucker spielte bei zwei Stücken Schlagzeug. Als Andy Warhol, der einstige Förderer und Produzent der Velvet Underground, starb, kam es nach 15 Jahren Pause wieder zu einer Zusammenarbeit mit dem zweiten klangprägenden Kopf der Velvet Underground, John Cale. Heraus kam dabei das Album Songs for Drella, eine Warhol-Biografie und ein Selbstporträt in minimalistischer Rockmusik. Hier transportieren die Liedtexte eine berührende Zuneigung und schmerzliche Geständnisse, ohne den Humor zu verlieren. Nicht ausgespart werden dabei das Attentat auf Warhol durch Valerie Solanas im Jahr 1968, sein strenges Arbeitsethos, seine ungeahnte Einsamkeit inmitten von Erfolg und Glamour, seine kleinen Schwächen und mögliche ärztliche Kunstfehler. 1993 kam es zu einer überraschenden Wiedervereinigung von The Velvet Underground. Sie war beim Publikum recht erfolgreich, aber nur von kurzer Dauer, da die alten Spannungen und Differenzen innerhalb der Gruppe schnell wieder aufbrachen.

Reed führte seine dunklen Notizen mit Magic and Loss weiter, einem Album über den Tod und den Verlust einiger Freunde infolge von Krebs. 1997 coverten über dreißig Künstler den Song Perfect Day für die BBC-Stiftung Children in Need.

Die 2000er Jahre

Im Jahre 2001 wurde Reed Opfer einer Falschmeldung, die seinen Tod infolge einer Heroinüberdosis verkündete. Basierend auf dem Werk Edgar Allan Poes veröffentlichte er 2003 die Doppel-CD The Raven, an der Künstler wie Laurie Anderson, Ornette Coleman, David Bowie, Julian Schnabel, Willem Dafoe und Antony mitwirkten. Ein Remix seines Lieds Satellite of Love (genannt Satellite of Love ’04) von Groovefinder wurde 2004 veröffentlicht und erreichte Platz 10 der UK-Single-Charts. 2007 nahm er mit der Band The Killers den Titel Tranquilize auf. Die für den Oktober 2009 mit seiner neu gegründeten Band Metal Machine Trio geplante Europatournee (Krems, Wroclaw, Bern, Leipzig, Hamburg, Berlin) wurde gemäß Angaben seiner Londoner Agentur Primary Talent International aus „schwerwiegenden persönlichen Gründen“ („extreme personal issues“) abgesagt.

Nach einem Auftritt mit Metallica anlässlich der Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame im Jahr 2009 nahm Lou Reed mit dieser Band gemeinsam das Album Lulu auf, das am 31. Oktober 2011 weltweit veröffentlicht wurde.

Stil und Wirkung

Lou Reeds Themen waren der Rockmusik ihrer Zeit weit voraus. Die populäre Musik erreichte Reed erst mit der Entstehung des Punk Mitte und Ende der 70er Jahre, aber selbst dann waren seine Lieder einzigartig: entweder vom Feedback der Gitarre überlagert oder zart melodisch; Reed singt üblicherweise über das Beunruhigende bis Schäbige, nicht nur innerhalb der etablierten Gesellschaft, sondern auch innerhalb der damaligen Gegenkultur oder des „Underground“. Walk on the Wild Side ist ein ironischer Gruß an die Außenseiter, Stricher und Transvestiten in Andy Warhols The Factory. Perfect Day wurde später in den Soundtrack des Films Trainspotting – Neue Helden aufgenommen. Themen, die Allen Ginsberg, William S. Burroughs und Jean Genet behandelten, nahm Lou Reed auf und entwickelte sie weiter. Reed war immer eine starke Künstlerpersönlichkeit, die sich selten dem herrschenden Zeitgeist angepasst hat. So bevorzugte er schwarzes Leder und sadomasochistische Outfits während der optimistisch bunten Hippiezeit der 60er Jahre. Dieses Outfit stellte vielleicht eine optische Entsprechung seiner bewusst skeptisch distanzierten Haltung des urbanen Realisten dar. Bezeichnend für ihn ist auch ein schneidend trockener, durch Selbstironie getönter Humor, der seine Texte und seine sonstigen Äußerungen immer wieder durchzieht. Das Hauptthema seiner lakonisch vorgetragenen Songs ist immer wieder das „beschädigte Leben“ im Großstadtdschungel, aber auch in der scheinbar intakten Vorstadtidylle. Seine Figuren sind meist in ihren unlösbaren Widersprüchen oder seelischen Abgründen verstrickt. Der Tenor seiner Texte ist illusionslos pessimistisch, aber mehr mitfühlend als zynisch. Sein Mitfühlen bezieht sich jedoch nicht auf Journalisten, die er bis heute immer wieder als eine höchst ignorante, unaufrichtige und aufdringliche Gattung abkanzelt und die oft zum bevorzugten Ziel seiner gefürchteten Schlagfertigkeit und Direktheit werden. Wie Warhol oder ein Fluxuskünstler lässt er die ihm lästigen Interviews zu kleinen künstlerischen Performances geraten, indem er die Erwartungen des Fragestellenden völlig unterläuft.

Lou Reed galt als streitbarer und unvorhersehbarer Künstler. In den letzten Dekaden empfand er, dass der Rockmusik zunehmend engere inhaltliche und musikalische Grenzen auferlegt werden und suchte die Zusammenarbeit mit Kollegen oder Freunden aus anderen Bereichen wie z. B. Paul Auster, Julian Schnabel, Philip Glass, Jim Jarmusch, Robert Wilson oder Wim Wenders, um für sich vielleicht neue Möglichkeiten auszuloten.

Ehrungen

1996 wurde er als Mitglied von The Velvet Underground in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Bei der Ehrung hielt Patti Smith die Laudatio.

Zum zwanzigsten Jahrestag der Samtenen Revolution im November 2009 lud Václav Havel den von ihm schon lange geschätzten Lou Reed sowie Joan Baez, Suzanne Vega und Renée Fleming nach Prag ein. Havel würdigte sie mit den Worten: „Diese Künstler sind bekannt für ihr freies Denken. Sie haben immer auf der Seite der Freiheit gestanden, und viele von ihnen haben ihre Solidarität in dunkleren Zeiten ausgedrückt.“[7] Metal Machine Music wurde in die The Wire’s “100 Records That Set the World on Fire (While No One Was Listening)” aufgenommen.

Trivia

Lou Reeds photographische Arbeiten, die seine Liebe zu seiner Heimat New York City bildlich festhalten, wurden kürzlich in den Bänden Emotion in Action

Emotion in Action

Emotion in Action

und Lou Reed’s New York veröffentlicht.

Link zum Thema:  Emotion in Action: 2 Bde. [Englisch] [Gebundene Ausgabe]

Seit den 1980er Jahren betrieb Reed Tai Chi im Chen-Stil und lernte einige Jahre beim chinesischen Meister Ren Guang Yi. Quelle: wikipedia

Link zum Thema:  Hier können Sie sich alle 1066 MP3-Songs von Lou Reed anzeigen lassen

Diskografie
mit The Velvet Underground

The Velvet Underground & Nico (1967)
White Light/White Heat (1968)
The Velvet Underground (Album) (1969)
Loaded (1970)
Live at Max’s Kansas City (1972, aufgenommen 1970)
1969 (1974, aufgenommen 1969)
VU (1985, aufgenommen 1968-1969)
Another View (1986, aufgenommem 1967-1969)
Live MCMXCIII (1993)
Peel Slowly and See (1995, 5-CD Boxset aufgenommen 1965-1970)
The Quine Tapes (2001, aufgenommen 1969)
Live at Max’s Kansas City (Deluxe-Edition 2005, aufgenommen 1970)

Link zum Thema:  The Velvet Underground Musikalben

Link zum Thema:  Hier können Sie sich alle 582 MP3-Songs von Velvet Underground anzeigen lassen

Solo / Studioalben

Lou Reed (1972)
Transformer (1972)
Berlin (1973)
Sally Can’t Dance (1974)
Metal Machine Music (1975)
Coney Island Baby (1976)
Rock ’n’ Roll Heart (1976)
Street Hassle (1978)
The Bells (1979)
Growing Up in Public (1980)
The Blue Mask (1982)
Legendary Hearts (1983)
New Sensations (1984)
Mistrial (1986)
New York (1989)
Magic and Loss (1992)
Set the Twilight Reeling (1996)
Ecstasy (2000)
The Raven (2003)
Hudson River Wind Meditations (2007)
Kompilationen
Wild Child – Best (1993) (1972–1986, Zounds, alle Titel digital remastert)

Livealben

Rock ’n’ Roll Animal (1974)
Lou Reed Live (1975)
Live: Take No Prisoners (1978)
Live in Italy (1984)
Live in Concert (1997)
Perfect Night: Live in London (1998)
American Poet (2001)
Extended Versions (2003)
Animal Serenade (2004)
Berlin – Live At St. Ann’s Warehouse (2008)

Link zum Thema:  Lou Reed Livealben

Link zum Thema:  12 Rockalben Walk on the Wild Side

Zusammenarbeit mit anderen Künstlern

Transformer mit David Bowie und Mick Ronson (1972)
Coney Island Baby mit Cover-Art von Mick Rock (1975)
Songs for Drella mit John Cale (1990)
The Raven mit Cover-Art von Julian Schnabel (2003)
Le Bataclan ’72 mit John Cale & Nico (2004)
NYC Man: The Ultimate Collection mit US Cover-Art von Marie Pittroff (2004)
Black Building (No Balance Palace) mit Kashmir (2005)
Tranquilize mit The Killers (2007)
Some Kind of Nature mit Gorillaz (2010)
Lulu, Album mit Metallica (2011)

Literatur

Jeremy Reed: Waiting for the Man, a Biography of Lou Reed. 1994.
Peter Doggett: LOU REED Biographie. 1999.
Diane Clapton: Lou Reed & The Velvet Underground. 1987.
Lou Reed: The Raven. (Libretto) 2003.
Lou Reed: Pass Thru Fire – The Collected Lyrics. 2006.

Lou Reed and the Velvet Underground

Lou Reed and the Velvet Underground

Link zum Thema:  Lou Reed and the Velvet Underground von Diana Clapton

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